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Ein Artikel aus der Rheinpfalz vom 23-11-2016

Landau: Das Ehepaar Helwig hat vor vier Jahren den Salon „Der Stadtfriseur“ übernommen. Neben schicken Frisuren kümmert es sich auch um ein sensibles Thema: Haarausfall. Krebs- und Alopeziepatienten suchen in dem Zweithaarstudio Hilfe, um wieder unbeschwerter durch den Alltag zu gehen.

Von Judith Hörle

„In unserer Familie gab es viele Krebsfälle“, erzählt Christoph Helwig aus eigener Erfahrung. Zeitweiser Haarausfall durch Chemotherapien ist ihm also ein bekanntes Thema. So entwickelten er und seine Frau Melanie die Idee, sich auf das Thema Zweithaar zu spezialisieren. Perücken, Haarteile, Toupets, Haarverdichtungen und Haarverlängerungen haben die beiden zur Auswahl – ganz diskret in einem separaten Raum oberhalb des Friseursalons, auch über einen Seiteneingang erreichbar. Denn Haarausfall, das wissen die beiden, ist ein Thema, das mit viel Scham behaftet ist, besonders bei weiblichen Kunden. Dankbar seien die Kunden, berichtet Christoph Helwig. Und oft verliefen die Termine sehr emotional, besonders wenn krebskranke Kinder betroffen sind. „Meist sind die Kinder ganz tapfer, finden sich schnell damit ab, aber die Eltern sind total fertig.“ Solche Termine seien auch für ihn sehr schwierig, erzählt Christoph Helwig. Deswegen ist es für ihn und seine Frau eine Herzenssache, den Förderverein für krebskranke Kinder in Karlsruhe zu unterstützen. Jedes Jahr organisieren die beiden eine Aktion, bei der Kunden ihr Haar abschneiden lassen können. Dieses wird dann an Perückenmacher verkauft und der Erlös gespendet.

Zumeist kommt das Echthaar für Perücken aus Indien oder aus dem osteuropäischen Raum. Für kurzzeitigen Haarausfall tut’s oft schon eine Kunsthaarperücke, die zwischen 500 und 600 Euro kostet. Eine Echthaarperücke schlägt mit 1000 bis 1500 Euro zu Buche. Dauerträger brauchen eine Ersatzperücke, falls eine mal nicht in Ordnung sein sollte. Jede Perücke wird auf die Kopfform angepasst und dann handgeknüpft. Die Hersteller sind deutsche Betriebe, mit denen die Helwigs schon viele Jahre zusammenarbeiten. Als zertifiziertes Zweithaarstudio übernimmt „Der Stadtfriseur“ den Schriftverkehr mit der Krankenkasse, um Zuschüsse zu beantragen.

Zudem organisieren die Friseurmeisterin und ihr Mann jedes Jahr ein Alopezie-Treffen, bei dem sich Betroffene austauschen können. „Da gibt es schlimme Fälle. Wir hatten mal eine 18-Jährige, die früher lange Haare hatte und dann sind sie ihr komplett ausgefallen.“ Aber auch Männer, bei denen der Haarausfall schon mit Mitte 20 anfange, zählten zu den Kunden. Der Frauenanteil liege etwa bei 80 Prozent, der Rest entfalle auf Männer, berichten die beiden, die mit der Zweithaar-Sparte ihres Studios einen jährlichen Umsatz von 50.000 Euro machen. Die Kunden kämen aus einem Umkreis von 50 bis 80 Kilometern, sagen die beiden. Oft wählten Patienten auch ein Studio, das nicht in ihrer Heimatstadt liegt, um nicht erkannt zu werden.

Aber auch schon bevor sie ihr eigenes Studio betrieben, hatten sie sich auf Haarteile spezialisiert. Seit etwa acht Jahren fahren sie in Kliniken und machen Hausbesuche. „Wir haben Leukämiepatienten beraten, sind mit Mundschutz und Schutzanzug ins Krankenzimmer, um keine Keime zu übertragen.“ Christoph Helwig hält zudem Vorträge in der Asklepios-Klinik in Kandel für Krebspatienten.

Einfühlsam sind die beiden im Gespräch, denn sie wissen, dass der Gang zu ihnen für die Betroffenen oft kein leichter ist. Umso schöner ist es für sie, wenn die Kunden danach befreiter und glücklich das Studio mit neuer Haarpracht verlassen können.